RAUM – was für ein merkwürdiger Titel? Das war das erste Fragezeichen in meinem Kopf!
„Heute bin ich fünf. Als ich gestern Abend in Schrank eingeschlafen bin, war ich noch vier.“
In diesem ersten Satz des Buches habe ich „in Schrank“ noch als Druckfehler in unserem Vorabexemplar abgetan, musste aber sehr schnell erkennen, dass viele solcher vermeintlicher Fehler folgten. Wieder ein Fragezeichen! Aber nach wenigen Seiten wurde deutlich, dass diese besondere Sprache von einer eben auch ganz besonderen Wahrnehmung des erzählenden Fünfjährigen berichtet. Eine andere Wahrnehmung der Welt und der Dinge um einen herum, die man kaum nachvollziehen kann, deren Sog man sich aber als Leser auch nicht entziehen kann.
RAUM erzählt die Geschichte von Jack und seiner Mutter, deren Leben sich auf 12 qm in eben diesem Raum abspielt. Es gibt eine Tür, die immer verschlossen ist, es gibt ein Oberlicht und es gibt ein Fernsehgerät. Und Jack liebt es fernzusehen. Er weiß zwar, dass all seine Freunde, die er dort regelmäßig trifft, nicht real sind, aber sie gehören zu seiner Welt einfach dazu. All die Einschränkungen seines Lebens, die sich für Jack und seine Mutter durch diese räumliche Begrenzung ergeben, erleben wir als Leser ganz vordergründig. Für Jack aber existieren sie gar nicht, weil er es nie anders erlebt hat.
Seine Verwunderung könnte deshalb nicht größer sein, als er eines Tages von seiner Mutter erfährt, dass es da draußen eine andere, eine echte Welt und andere, echte Menschen gibt. Und der Gedanke an Flucht macht ihm Angst. Wird er es schaffen, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen oder will er RAUM lieber gar nicht verlassen? Und vielleicht können sie wenigstens warten, bis er sechs ist?
Lesen Sie RAUM und sie werden manche Dinge anders sehen. Lassen Sie sich überraschen, wie nahe beieinander Grausamkeit und Liebe zu finden sind. Lassen Sie sich fesseln davon, was auch unter schwierigsten Umständen Zuwendung und Nähe für die Entwicklung eines Kindes bedeuten.
Schauen Sie ohne Voyerismus auf Ereignisse, die in verschiedenen Ländern entdeckt wurden und bei denen in der medialen Berichterstattung so manche Grenze überschritten wurde. Dieses Buch überschreitet Grenzen nicht, es überwindet sie – auf seine ganz eigene Art.
Verfasst am: 25.08.2011